Kommentar von Hannes Swoboda: Österreich – Türkei: neue Brücken schlagen statt bestehende abzubrechen

Kommentar von Hannes Swoboda 


Österreich – Türkei: neue Brücken schlagen statt bestehende abzubrechen

Die politischen Entwicklungen in der Türkei geben Anlass zur Sorge. Bei aller Notwendigkeit für einen handlungsfähigen Staat in Zeiten der Unsicherheit und der Krise sollten die führenden Politiker in der Türkei nie aus den Augen verlieren, dass nur die Demokratie mit solchen Situation gerecht und nachhaltig umgehen kann. 
Und zur Demokratie gehört vor allem auch die Freiheit der Medien aber auch die der Wissenschaft und Lehre. Interne Konflikte sollten primär durch Dialog und Verständigung gelöst werden und erst in zweiter Linie durch polizeiliche und militärische Maßnahmen. All das soll in nicht die inneren und äußeren Schwierigkeiten, in denen sich die Türkei befindet, verniedlichen.
Gerade die Freunde der Türkei wollen aber auch auf die Probleme und Gefahren,  die mit den aktuellen Entwickungen verbunden sind, hinweisen.

Auch die aktuelle außenpolitische Haltung Österreichs zur Türkei gibt Anlass zur Sorge: Sicher muss jede Aussenpolitik die Interessen des eigenen Landes wahren und vertreten. Aber auch hier geht es um die langfristigen Interessen und um eine Nachhaltigkeit  dieser Politik. Populismus hat in einer solchen Politik nichts verloren. Im Gegenteil: die – berechtigte – Kritik an den aktuellen politischen Entwicklungen in der Türkei sollte mit Hilfe und Unterstützung für all jene verbunden sein, die drunter leiden. Ob es sich um die politische Opposition oder um Journalisten und Wissenschaftler handelt – sie brauchen nicht eine pauschale Zurückweisung der Türkei sondern Solidarität und Hilfe. Von Stipendien, um begonnene Studien und Forschungen in Österreich oder anderen EU- Ländern zu vollenden bis zu Einladungen zu Vorträgen kann eine solche Hilfe angeboten werden. 
Es geht also nicht darum Brücken abzubrechen, sondern Brücken zu jenen zu schlagen, die eine moderne, aufgeschlossene und demokratische Türkei im Kopf haben.

Solche Brücken braucht es auch zur türkischstämmigen Bevölkerung in Österreich. Da ist die leidige Kopftuchdebatte  nicht nur nicht hilfreich, sondern sogar schädlich. Entweder das Kopftuch wird als religiöses Symbol angesehen – dann sollten die geforderten Regeln der Neutralität bei Gericht oder in der Schule für alle religiösen Symbole gesehen werden. 
Manche hingegen sehen das Kopftuch primär als Element der Unterdrückung. Ich frage mich allerdings wie die entsprechenden Politiker bzw. Experten erkennen, wann es ein Instrument der Unterdrückung ist oder wann es ein Ausdruck der speziellen Identität angesichts einer nicht immer freundlichen Umwelt in Österreich ist.

Und wenn immer wieder von mangelnder Integrationsbereitschaft die Rede ist, so ist die auf beiden Seiten einzufordern. Integration verlangt immer eine entsprechende Einstellung und Bereitschaft von denen, die schon länger in Österreich leben und denen, die erst vor Kurzem zugewandert sind. Die aktuelle Kopftuch-Debatte zeugt jedenfalls nicht von  Integrationsbereitschaft, sondern von billigem Populismus seitens jener, die sie immer wieder lostreten. 
Mit Recht hat H.C. Strache darauf hingewiesen , dass er der erste in Österreich war, der die Kopftuch-Debatte geführt hatte. 
Es stimmt traurig, wenn (andere) Politikerinnen und Politiker  sich davon leiten lassen

Man sollte lieber von Seiten der Politik und der Expertinnen und Experten überlegen, was man positiv zur Anerkennung und Förderung der Beziehung der österreichischen und türkischen Bevölkerung tun kann. Vor allem sollten auch  jene, die sich sowohl in den türkischen als auch in den österreichischen Lebenswelten zu Hause fühlen, motiviert werden, einen Beitrag zur Verständigung zu leisten. In diesem Zusammenhang ist es grotesk, dass die türkische Sprache in Österreich so stiefmütterlich behandelt wird. 
Noch immer ist das Türkische (als Fremdsprache) kein Maturafach (im Gegensatz zu so vielen anderen Sprachen wie zB Chinesisch) und somit können weder Österreicher mit Türkisch als Muttersprache, noch Deutschsprachige, die Türkisch als Fremdsprache lernen wollen, auf zumindest Maturaniveau in der Sprachbeherrschung kommen.
Es fehlt an den hier ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern.  An der Universität Graz wurde zwar ein Curriculum für die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer beschlossen, aber die Finanzierung der wenigen fehlenden Fächer zur Pädagogenausbildung wird nicht gewährt. Dabei wäre gerade dies eine höchst notwendige Geste, die binnen kurzer Zeit zu einer Verbesserung der Sprachkapazitäten und der wirtschaftlichen Chancen aller Beteiligtenunter der Aufsicht unsere Schulbehörden führt.

Da wäre also noch viel zu tun, will man wirklich Lebenswelten zusammenführen und Integration herbeiführen. Dazu bedarf es nämlich Öffnung zueinander und nicht Abgrenzung voneinander. 

Und was das Verhältnis der Türkei zu Europa betrifft, so geht es darum, möglichst gemeinsam einen Weg zu finden, wie sich beide auf die lange Reise einer Verständigung und engeren Zusammenarbeit begeben können. Von der Flüchtlingsproblematik bis zum Frieden im Nahen Osten kann die Zusammenarbeit der EU mit der Türkei nur Vorteile bringen. 
Wenn Aussenpolitik eine langfristige Strategie haben soll und nicht nur innenpolitische Ziele verfolgen will, dann sollte sie all das bedenken.


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