Geschichte / Früher und Heute

Wir wollen hier versuchen, zusammen mit verschiedenen Experten, ein differenzierteres Bild zu zeichnen.
Weiterführende Informationen zum Buch ‚Österreich in Istanbul II‘ von Elmar Samsinger.

Die Darstellung der gemeinsamen Geschichte Österreichs und der Türkei (der Habsburger-Monarchie und des Osmanischen Reichs) fokussiert in Österreich bis heute fast ausschließlich auf dem Mythos 1683 (‚Sieg des Abendlandes‘).

Metternichs Orient begann in Wien!

Schlaglichter auf die österreichisch-türkischen Beziehungen durch die Jahrhunderte

Konflikt und Austausch kennzeichnen die alten Beziehungen Österreichs zum Orient. Auch wurde Wien immer schon als Tor zum Osten gesehen, so formulierte etwa Metternich sehr pointiert, dass der Orient gleich hinter dem Rennweg beginne. Beschränkten sich die Kontakte Österreichs zum Persischen Reich, nach Indien, China und Japan bis weit ins 19. Jahrhundert auf vereinzelte Reisen von Gesandtschaften, Missionaren, Pilgern, Kaufleuten oder Abenteurern, so war das Verhältnis zum Osmanischen Reich immer existentielle Herausforderung und zugleich Inspiration. Die Türkenkriege, die Belagerungen Wiens durch die Osmanen 1529 und 1683, Kara Mustapha und Prinz Eugen der edle Ritter, der dem Kaiser half wied’rum zu kriegen Stadt und Festung Belgerad, sind im  kollektiven Gedächtnis Österreichs fest verankert. Ebenso Mozarts Türkischer Marsch, die Legenden um Kolschitzkys erstes Kaffeehaus in Wien oder die Entstehung des Kipferls in Anlehnung an den türkischen Halbmond. Weniger bekannt sind dagegen die friedlichen Begegnungen und Anknüpfungspunkte Österreichs mit dem Osmanischen Reich.

Türkischer Kaffee. (SE)

Von Diplomaten, Wissenschaftlern und Forschungsreisenden

So bestand die älteste diplomatische Mission des Habsburgerreiches seit 1574 in Konstantinopel. Die erste osmanische Botschaft in einem europäischen Land wurde wiederum 1791 in Wien  eingerichtet. Auch zu Beginn der wissenschaftlichen Befassung mit dem Orient stand auch ein Markstein gegenseitigen Verständnisses, das 1680 erstmals erschienene Türkisch-Arabisch-Persisch-Wörterbuch des Dolmetschers Franz von Mesgnien Meninski (1623-1698). Im Hinblick auf die sich rasch entwickelnden diplomatischen Beziehungen zwischen dem Wiener Hof und der Hohen Pforte stieg der Bedarf nach versierten Dolmetschern. Man schickte daher so genannte Sprachknaben zur Ausbildung nach Konstantinopel. Da die Burschen jedoch häufig mehr dem Zauber des Orients als ihren Sprachstudien fröhnten, gründete Maria Theresia 1754 in Wien die Orientalische Akademie. Später in die k.u.k. Konsularakademie umgewandelt, setzt heute die Diplomatische Akademie die Tradition fort. Viele bedeutende österreichische Diplomaten, Politiker und Orientalisten haben hier ihre Ausbildung erhalten, welche die Beziehungen Österreich-Ungarns zum Nahen und Fernen Osten wesentlich mitgestalteten. Als Folge vielfältiger morgenländischer Forschungen wurde die Druckerei der Mechitaristen und später die k.k. Hof- und Staatsdruckerei führend im orientalischen Satz und Druck.

Auch die universitäre Orientalistik Österreichs hat bis heute einen international guten Ruf, nicht zuletzt durch die Herausgabe der seit 1887 erscheinenden Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes. Eine führende Position in der Orientalistik nahm und nimmt auch die 1847 gegründete Kaiserliche, heute Österreichische Akademie der Wissenschaften in Wien ein, deren erster Präsident Hammer-Purgstall war. Bereits mit der Gründung wurde eine orientalisch-islamische Abteilung eingerichtet, die sich mit Kunst- und Kulturgeschichte sowie Sprachen befasste. Vom Balkan über das Osmanische Reich bis Japan, von Ägypten bis zum Jemen reichen dabei von der Akademie initiierte Forschungsreisen und Veröffentlichungen. Seit 1893 werden zudem unter Leitung des Österreichischen Archäologischen Instituts Grabungen in Ephesos durchgeführt.

Joseph von Hammer-Purgstall (Briefmarke) – Sheikh Alois Musil. (wikipedia)

Der Grazer Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall (1788-1856) war nicht nur ein abenteuerlustiger Reisender sondern auch ein bedeutender Forscher. Er übersetzte die  Geschichten aus 1001 Nacht und verfasste die erste umfassende Geschichte des Osmanischen Reiches. Seine Nachdichtungen des persischen Poeten Hafis beeinflussten Goethes West-östlichen Diwan nachhaltig. Ein weiterer wissenschaftlicher Haudegen im Orient, der sich auch politisch für das Haus Habsburg im Osmanischen Reich betätigte, war der aus Mähren stammende Priester und Orientalist Alois Musil (1868-1944) alias Sheikh Musa al-Rweili. Er wetteiferte im Ersten Weltkrieg mit seinem berühmteren Gegenspieler Lawrence von Arabien um die Gunst von Beduinenstämmen. Beide versilberten seinerzeit ihre Argumente zur Freude der Wüstenkrieger mit klingenden Maria Theresien-Talern. Das Osmanische Reich war 1914 auf der Seite Österreich-Ungarns und des Deutschen Kaiserreiches in den Ersten Weltkrieg eingetreten.

Österreichischer Lloyd, Levantepostämter, Fassbier und Feze

Es gibt zahlreiche bemerkenswerte Facetten im bunten Kaleidoskop österreichisch-osmanischer  Beziehungen. In Konstantinopel, im Heiligen Land und in Kairo gab es etwa österreichisch-ungarische Spitäler und Schulen, in der Levante bis 1914 zahlreiche österreichische Postämter, für die seit 1888 eigens auf Piaster und Para lautende Briefmarken gedruckt wurden. Die St. Georgs-Schule in Konstantinopel war und ist ein weiterer Stützpunkt Österreichs im Orient. Das St. Georgs-Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern feiert 2012 sein 140-jähriges Bestehen und bietet alljährlich mehr als 30.000 Kranken aller Religionen und Konfessionen professionelle medizinische Behandlung.

Die Wiener Weltausstellung 1873, welche auch als Fenster zum Orient konzipiert war, ermöglichte breiten Kreisen der Bevölkerung Einblicke in Kultur und Wirtschaft des Osmanischen Reiches.  Das Comité für den Orient und Ost-Asien, eine Vereinigung prominenter Wissenschaftler, Wirtschaftstreibender und Diplomaten, errichtete am Ausstellungsgelände einen Pavillon im persisch-arabisch-chinesischen Mischstil, den sogenannten Cercle Oriental. Daraus erwuchs zwei Jahre später die Gesellschaft Orientalisches Museum, welche den Orienthandel förderte und der Wirtschaft neue Absatzgebiete auch im Osmanischen Reich zu eröffnen suchte. Um den Informationsstand zu verbessern, publizierte man seit 1875 die renommierte Österreichische Monatsschrift für den Orient, die in 44 Jahrgängen bis September 1918 erschien. Zahlreiche bei der Wiener Weltausstellung erworbene orientalische Kunst- und Gebrauchsgegenständen wurden im k.k. Österreichisches Handelsmuseum, dem vormaligen Orientalische Museum, ausgestellt. Heute findet man die Exponate  im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK).

Stempelabschläge von k.k. Levantepostämtern. (SE)

Der 1833 gegründete Österreichische Lloyd hat sich während seines mehr als 80-jährigen Bestehens zur bedeutendsten Schifffahrtslinie im östlichen Mittelmeer entwickelt, er unterhielt neben dem Levante- und Schwarzmeerdienst auch eine indo-chinesische Linie. Die Dampfschiffe der österreichischen Reederei liefen von Triest aus zahlreiche Häfen des Osmanischen Reiches an und bildeten damit ein Rückgrat des beiderseitigen Handels. Die wirtschaftlichen Kontakte zwischen den beiden Vielvölkerreichen waren von jeher bedeutsam. Zahlreiche österreichische Firmen agierten im Osmanischen Reich erfolgreich, beim Fassbier, im Konfektionshandel und der Fes-Produktion sogar marktbeherrschend. Der Wiener Bankverein beteiligte sich im Osmanischen Reich am Bahnbau, die Betriebs-Gesellschaft der Orientalischen Eisenbahnen hatte ihren Sitz in Wien. Die wirtschaftlichen Aktivitäten wurden in Konstantinopel und Alexandria von österreichisch-ungarischen Handels- und Gewerbekammern unterstützt. Bedeutende Fabrikanten- und Bankierdynastien der Monarchie, etwa die Familien Baltazzi, Dumba, Ephrussi, Isbary oder Sina, letztere durch den Tabakimport aus dem Osmanischen Reich groß geworden, unterhielten aufgrund ihrer levantinischen Abstammung enge Wirtschaftskontakte zum Orient. Darüber hinaus zog es auch eine beachtliche Zahl von Wirtschaftsmigranten aus den armen Landstrichen der Donaumonarchie ins Osmanische Reich, die hier Arbeit und ein besseres Leben als in der Heimat  erhofften. Darunter waren neben Wirtschaftstreibenden auch Eisenbahningenieure, Ärzte, Advokaten, Handwerker, Seeleute, Bauern, Lehrer oder Geistliche bis hin zu herumtingelnden böhmischen Damenkapellen. Slowenische Hausangestellte waren auch noch nach Untergang Österreich-Ungarns beliebt in levantinischen Haushalten.

Erinnert sei schließlich noch an einige Alt-Österreicher, die in Osmanischen Diensten Karriere machten. Der  Wiener Dr. Carl Eduard Hammerschmidt (1801-1874), nachmals Abdullah Bey, flüchtete nach der Niederschlagung der 1848er Revolution aus Österreich ins Osmanische Reich und wurde hier Mitbegründer des Roten Halbmonds, der Schwesterorganisation des Roten Kreuzes. Der serbischstämmige Mihajlo Latas brachte es als Omer Pascha (1806-1871) zum Oberbefehlshaber der Osmanischen Armee, es soll sogar einen aus Graz stammenden Großwesir gegeben haben. Schließlich begründete der ungarische Graf Edmund Széchenyi (1839-1922) in Konstantinopel eine Berufsfeuerwehr nach westlichem Muster. Der niederösterreichische Weltmarkführer bei Löschfahrzeugen knüpfte jüngst an diese Tradition an, als die niederösterreichische Firma Rosenbauer 2016 Großaufträge für die Feuerwehren in  Istanbul und Izmir akquirierte.

Bosnien-Herzegowina

„Die Tore des Orients sind Eurer Majestät geöffnet.“ Mit diesen Worten unterrichtete Graf Andrássy Kaiser Franz Joseph im Juli 1878 über das Ergebnis des Berliner Kongresses, welcher der Habsburgermonarchie das Mandat zur Besetzung und Verwaltung des osmanischen Wilajets Bosnien-Herzegowina einräumte. Im verstärkten Engagement am Balkan und im Orient sahen viele Zeitgenossen eine große Chance für die zunehmend müde agierende Monarchie, neue Kräfte zu mobilisieren und russische Begehrlichkeiten abzuwehren. Die österreichisch-ungarische Okkupationsarmee wurde 1878 entgegen allen Erwartungen von der Bevölkerung jedoch keineswegs als Befreier vom türkischen Joch empfangen. Erst nach verlustreichen Kämpfen konnte das Land besetzt werden. Es bedurfte dazu jedenfalls mehr als nur einer Musikkapelle, wie Österreich-Ungarns Außenminister Andrássy anfangs vermeinte. Vierzig Jahre bemühte Verwaltung machte aus muslimischen Feinden jedoch überwiegend treue Untertanen des Kaisers. Dazu trug der wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aufbau des Landes, der Bau von Fabriken, Krankenhäusern und Schulen, des Landesmuseums, eines Theaters sowie einer Bierbrauerei in Sarajevo sowie von Straßen, Brücken und Eisenbahnen wesentlich bei.

Von Österreich-Ungarn eingerichtete Scheriats-Richterschule in Sarajewo. (SE)

Auch setzte man eine Reform der muslimischen Kultusorganisation sowie des religiösen Stiftungs- und Schulwesens durch, die später den Engländern in Ägypten und Zypern als Vorbild diente. Die Ausbildung von Imamen an österreichischen Bildungseinrichtungen wird auch heute als wichtige Initiative zur Integration muslimischer Zuwanderer gesehen. Damit sollen zudem Ängste in der österreichischen Bevölkerung gegen den Islam abgebaut werden.

Die Annexion Bosnien-Herzegowinas 1908 führte nicht nur zu einer schweren Krise zwischen dem habsburgischen und dem osmanischen Reich, sondern 1912 auch zur gesetzlichen Anerkennung des Islam hanefitischen Ritus in Österreich-Ungarn. Für die mehr als 14.000 muslimischen Soldaten in der k.u.k. Armee (1913), die etwa in Wien, Bruck an der Leitha oder Graz stationiert waren, erließ man religiöse Sondervorschriften, die vier bosnisch-herzegowinischen Elite-Regimenter, kenntlich am krapproten Fez mit schwarzer Quaste, kämpften bis zum Ende des Ersten Weltkrieges tapfer für ihren Monarchen.

1918 – Ende und Neuanfang

Bemerkenswerterweise lagen die Anfänge sowohl des Habsburger- wie das Osmanenreiches nahe beieinander im ausgehenden 13. Jahrhundert. Beiden Vielvölkerreichen bereiteten konkurrierende Imperien sowie der übermächtig werdende Nationalismus Anfang des 20. Jahrhunderts, wiederum nahezu gleichzeitig, ein vielleicht so nicht verdientes Ende. Die mehrere zehntausend Köpfe zählende Österreicher-Kolonie in Konstantinopel wurde 1918 von den Siegermächten größtenteils ausgewiesen, die Botschaftsgebäude, Krankenhäuser und Schulen der Habsburgermonarchie beschlagnahmt.

Deutsches Kaiserreich, Osmanisches Reich und Österreich-Ungarn überlebten den Ersten Weltkrieg nicht. (SE)

Am 28. Jänner 1924 schloss Österreich mit der neu gegründeten Türkischen Republik einen Freundschaftsvertrag. Auf Initiative des österreichischen Gesandten August Kral wurde 1925 in der Gesandtschaft der Verein der Oesterreicher in Konstantinopel ins Leben gerufen. Die Kolonie zählt 1925 nur mehr 160 Mitglieder, mit dem Verein bezweckte man die „Zusammenfassung der in der Türkei lebenden österreichischen Bundesangehörigen zur Pflege des Heimats- und Zusamengehörigkeitsgefühles, zur Betätigung sozialer Fürsorge und Förderung der Geselligkeit.“ Trotz zahlreicher Schwierigkeiten in der Türkei und im Nachkriegsösterreich hofften die Vereinsgründer „zuversichtlich daß dieser Vorposten Oesterreichs im Lande des Halbmonds dazu beitragen wird, auch die Bande alter Freundschaft, die uns mit eben diesem Lande verbinden, zu verstärken.“ In diesem Geiste baute etwa der Architekt Clemens Holzmeister in der Zwischenkriegszeit nicht nur die österreichische Botschaft in Ankara, er plante auch das türkische Parlament, den Präsidentenpalast und mehrere Ministerien.

 

Der Chemiker Otto Gerngross, ein jüdischer Österreicher im Dienste Atatürks.

 

Der in den folgenden Jahren zu verzeichnende Zuzug von Österreichern in die Türkei war jedoch weniger wirtschaftlich als politisch bedingt. Zahlreiche Österreicher, darunter viele prominente jüdische Wissenschaftler, flohen in die Türkei, um sich vor Austrofaschismus und Drittem Reich nach 1934 beziehungsweise 1938 in Sicherheit zu bringen. Eine Reihe namhafter Wissenschaftler, die aus politischen oder rassischen Gründen von österreichischen und deutschen Hochschulen entlassen worden waren, folgten dem Ruf des türkischen Unterrichtsministeriums an die Universitäten Istanbul und Ankara. Ziel war die Reform des akademischen Bildungswesens einschließlich der Errichtung neuer Lehrstühle, Institute und Kliniken. Initiator dieses Unternehmens war der Altösterreicher Philipp Schwartz (geb. 1894 in Budapest), der erste Gespräche und Verhandlungen mit dem türkischen Unterrichtsminister führte. Die vertriebenen Ärzte knüpften an eine alte medizinische Tradition Österreichs in Istanbul an, begründeten doch hier sechs k.k. Militärärzte in den 1840er Jahren die erste medizinische Hochschule nach Vorbild des Wiener Josephinums. Zugleich  reformierten sie das Krankenhauswesen der Hauptstadt des Osmanischen Reiches nach österreichischem Muster. Viel bedankt starben die meisten in jungen Jahren.

Gastarbeiter und Döner Kebab

Mit Anspringen des Wirtschaftsmotors nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich Ende der 50er-Jahre in Österreich zunehmender Arbeitskräftemangel bemerkbar. Durch internationale und bilaterale Abkommen kam man in der Folge der Forderung der Wirtschaft nach neuen Arbeitskräften nach. Dem Assoziationsabkommen zwischen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Türkei folgend, schloss Österreich mit der Türkei ein Anwerbeabkommen, 1969 ein Sozialabkommen. Am 15. Mai 1964 eröffnete in Istanbul ein österreichisches Gastarbeiter-Anwerbebüro. Zwischen 1961 und 1974 kamen 265.000 Gastarbeiter nach Österreich, zumeist aus Jugoslawien, 11,8% stammten jedoch aus der Türkei. Die Gastarbeiter trugen wesentlich zum Wirtschaftswunder in der Nachkriegszeit bei. Das Konzept rotierender Arbeitskräfte, die nur einige Jahre in Österreich ihr Geld verdienten und dann in die Herkunftsländer zurückkehrten, ging jedoch nicht auf – aus Gastarbeitern wurden Arbeitsmigranten. Neben männlichen Arbeitern kamen nun auch Frauen und Kinder ins Land, 1971 waren bereits 39% der Zuwanderer weiblich, Kinder stellten fast 15%. Mit der Erdölkriese 1974 endete die Phase der schrankenlosen Anwerbung, durch ein Ausländerbeschäftigungsgesetz suchte man nun, die rarer werdenden Arbeitsplätze Österreichern zu erhalten. Zwar konnte dadurch der Zustrom türkischer Arbeitskräfte gebremst werden, stattdessen verlängerte sich die Aufenthaltsdauer der verbliebenen Gastarbeiter, die nun verstärkt ihre Familien nachkommen ließen. Damit stellte sich verstärkt das Problem der Integration ausländischer Jugendlicher in das österreichische Bildungs- und Berufsausbildungssystem. Hier weitere Verbesserungen zu erreichen, wird in Zukunft maßgebend dafür sein, dass sich türkische Jugendliche besser in Österreich verankert fühlen als viele Gastarbeiter der ersten und zweiten Generation. Nach Deutschen und Serben stellen türkische Staatsangehörige die drittstärkste Zuwanderergruppe. Heute leben etwa 180.000 Menschen türkischer Herkunft in Österreich, nicht wenige haben inzwischen die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen. Manche Schätzungen gehen allerdings von einer nennenswert höheren Zahl aus, wobei die Geburtenquote der türkischen Zuwanderer erheblich über jener der österreichischen Bevölkerung liegt, was schon gegenwärtig große Herausforderungen auf verschiedenen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ebenen darstellt.

Willkommenskultur für Gastarbeiter. (vga/ Wiener Verkehrsbetriebe)

Der Gastarbeiterzustrom bereicherte bis heute auch die österreichische Gastronomie. Pizza, griechischer Salat, Ćevapčići und Döner Kebab landeten zunehmend  auf heimischen Speisekarten, der Würstelstand bot nun nicht mehr die einzige Möglichkeit, abendliche Hungergefühle zu stillen. Dazu kam, dass die Österreicher die Herkunftsländer der Gastarbeiter als Urlaubsdestinationen entdeckten. In den vergangenen Jahren besuchten jährlich rund 500.000 Urlauber türkische Strände und Sehenswürdigkeiten.  Nicht wenige Österreicher wählen zudem Küstenorte im Süden und Westen der Türkei als Zweit- oder Alterswohnsitz.

Wirtschaft und Kultur

Im Jahr 1963 wurde das Österreichische Kulturinstitut in Istanbul gegründet, Zeichen des hohen Stellenwerts der österreichischen Außenkulturpolitik gegenüber der Türkei. Die Räumlichkeiten und der Garten des Palais Yeniköy – ein großzügiges Geschenk des osmanischen Sultans Abdulhamid II an Kaiser Franz Joseph – sind bis  heute ein lebendiger Ort der Begegnung zwischen Türken und Österreichern. Mit jährlich mehr als hundert Veranstaltungen in der gesamten Türkei pflegt das Österreichische Kulturforum Istanbul die kulturellen und wissenschaftlichen Kontakte zwischen beiden Ländern und vermittelt ein modernes und weltoffenes Österreichbild. Das Österreichische Kulturforum arbeitet auch mit einer Reihe von türkischen Institutionen und Universitäten zusammen. In Samsun und am St. Georgs Kolleg in Istanbul wurden Österreich-Bibliotheken eingerichtet. Seit 2011 gibt es in Istanbul auch ein Artist-in-Residence-Programm für österreichische Künstlerinnen und Künstler. Umgekehrt wäre heute auch die österreichische Kulturszene ohne ihren türkischstämmigen Einfluss um einiges ärmer. Ebenso wie viele türkische Akademiker aller Richtungen und Facharbeiter erwarben auch Kunstschaffende ihre Ausbildung an österreichischen Universitäten und anderen Ausbildungsstätten.

Österreichisches Konsulat und Kulturforum in Yeniköy. (SE)

Bemerkenswert sind auch die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Türkei und Österreich. Mit Umwandlung der türkischen Wirtschaft in den 1980ern in eine Marktwirtschaft intensivierten sich die Geschäftsbeziehungen zwischen beiden Ländern.  Die Türkei ist nicht nur ein großer Absatzmarkt, ihr kommt auch Brückenfunktion zwischen Europa und Asien zu. Bei den schwierigen EU-Beitrittsverhandlungen ist dies ein nicht zu unterschätzender Faktor.  Österreich war in den vergangenen Jahren einer der stärksten Direktinvestoren in der Türkei. Prominente österreichische Unternehmen wie Verbund AG, OMV, Österreichische Post AG, Voestalpine, Strabag, Andritz, Mayer-Melnhof, RHI, Mondi, Egger, Dunapack, Vienna Insurance Group oder Bank Austria haben sich erfolgreich auf den türkischen Wachstumsmarkt gewagt. DO & CO ist ein schönes Beispiel für den weltweiten Erfolg eines türkischstämmigen Wirtschaftstreibenden aus Österreich. Die Türkei entwickelte sich wirtschaftlich in den letzten Jahren zu einer Art China vor der österreichischen Haustür. Mit einem Außenhandelsvolumen von zusammen fast 3 Milliarden Euro sind die Wirtschaftsbeziehungen für beide Republiken von erheblicher Bedeutung, die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) unterstützt die wirtschaftlichen Aktivitäten österreichischer Firmen durch AussenwirtschaftsCenter in Istanbul und Ankara tatkräftig.

Auch wenn die Beziehungen zwischen Österreich und der Türkei in den Jahrhunderten manche Stürme durchlebten und wohl auch noch durchleben werden, besteht kein Zweifel, dass  beide Länder durch verständnisvolles Zusammenwirken immer besser gefahren  sind als durch vielfach tagespolitisch bedingte, lautstarke Konfrontation. In diesem Sinne will auch der Verein Gemeinsam für Europa – Österreichisch-türkische Zusammenarbeit (ÖTZ) einen Beitrag leisten.

 

Weiterführende Literatur:

Agstner: Die Türkei 1960. Politische Berichte von Botschafter Hartl an Außenminister Bruno Kreisky. Wien-Berlin 2011.

Agstner (I) / Samsinger (I, II, III): Österreich in Istanbul. Wien-Berlin 2010, 2016, 2017.

Atigan: Österreichisch-Türkische Wirtschaftsbeziehungen. Klagenfurt 2006.

Ausstellungskatalog: Zeitreise in die Österreichisch-Türkische Vergangenheit. Wien 2006.

Ausstellungskatalog: Die Türken in Wien. Geschichte einer jüdischen Gemeinde. Wien 2010.

Bauer: Zwischen Halbmond und Doppeladler. 40 Jahre österreichische Verwaltung in Bosnien- Herzegowina. Wien-München 1971.

Brycha-Vauthier: Österreich in der Levante. Geschichte und Geschichten einer alten Freundschaft. Wien-München 1972.

Buchmann: Österreich und das Osmanische Reich. Wien 1999.

Dietrich: Deutschsein in Istanbul – Nationalisierung und Orientierung in der deutschsprachigen Community von 1843 bis 1956. Opladen 1998.

Fischer: Österreich-Ungarns Kampf um das Heilige Land. Kaiserliche Palästinapolitik im Ersten Weltkrieg. Bern-Frankfurt a.M. u. a. 2004.

Oesterreichischer Lloyd: Officielles Reisehandbuch Constantinopel und Umgebung, Schwarzes Meer, Griechenland. Wien-Brünn-Leipzig 1902.

Petritsch: Österreich und die Türkei nach dem Ersten Weltkrieg. Zum Wandel der diplomatischen und kulturellen Beziehungen. MÖSTA Band 35, Wien 1982, 199-237.

Pomiankowski: Der Zusammenbruch des ottomanischen Reiches. Erinnerungen an die Türkei aus der Zeit des Weltkriegs. Zürich-Leipzig-Wien 1928.

Samsinger: Morgenland und Doppeladler. Eine Orientreise um 1900. Wien 2006, Neuauflage in Vorbereitung.

Samsinger: Eine Automobil-Reise durch Bosnien die Herzegovina und Dalmatien von Filius.

Wien 2012.

Samsinger / Mayer: Fast wie Geschichten aus 1001 Nacht. Aus dem Leben der jüdischen Textilkaufleute Mayer in Europa und im Orient. Wien 2015.

Sax: Geschichte des Machtverfalls der Türkei bis Ende des 19. Jahrhunderts und die Phasen der „orientalischen Frage“ bis auf die Gegenwart. Wien 1908.

Stadler: Vertriebene Vernunft. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft 1930-1940. Münster 2004.

Steinbach: Die Türkei im 20.Jahrhundert. Schwieriger Partner Europas. Berg. Gladbach 1996.

Tomendal: Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien 2000.

Vocelka: Das Osmanische Reich und die Habsburgermonarchie 1848-1918. In: Wandruszka / Urbanitsch,  Die Habsburger 1848 – 1918, Bd. 6/2, Wien 1993.

Hammer-Purgstall, Geschichte des Osmanischen Reiches. (Inlibris Wien)

Author: Elmar Samsinger (SE)